Digital Know How

Für ihren Fortschritt

Was tun, wenn’s brennt? Wie reagieren, wenn ein Unwetter naht oder ein Attentat verübt wird?

Bevor diese Fragen überhaupt geklärt werden können, muss ich wissen, dass es brennt. Doch wie erfahre ich von drohenden Gefahren in meiner unmittelbaren Umgebung? Wie erlange ich die Möglichkeit, im Notfall genau das Richtige zu tun? 

Das altgediente Signalhorn, das je nach Gefahrenart dreimal kurz (Feueralarm), einmal lang über drei Minuten (Achtung herannahende Gefahr) oder 1 Minute lang auf- und abschwellend (Achtung Gefahr) ertönte, gibt es in einigen Städten und Ortschaften noch. Doch ganz ehrlich: Wer hätte die Bedeutung aus dem Effeff gewusst? Und was ist mit den Einwohnern in all den übrigen Dörfern? Müssen die permanent das Radio oder den Fernseher laufen lassen, um Informationen im Notfall mitzubekommen? 

Zweifelsfrei gibt es im heutigen digitalen Zeitalter weitaus bessere Möglichkeiten. Zum Beispiel die Information über das Internet oder aber über Apps, die direkt auf dem Smartphone aufploppen, wenn etwas passiert.

Ihre Vorteile liegen auf der Hand. Inzwischen besitzen 78 Prozent der Deutschen ein Smartphone, über das sie im Fall der Fälle direkt, schnell und umfassend über Gefahren oder Notlagen informiert werden können. Solche hilfreichen Anwendungen entstehen immer mehr. Aus aktuellem Anlass – das Unwetter Friederike und auch der Fehlalarm auf Hawaii haben unsere Aufmerksamkeit geweckt – haben wir uns die drei bekanntesten einmal genauer angesehen.

Die Apps NINA, KATWARN und BIWAPP haben wir anhand verschiedener Kriterien miteinander verglichen

und ein Fazit gezogen.

 

Außerdem diskutierten wir davon ausgehend folgende Fragestellungen:

Was sollte eine Warn-App leisten?

Welche Vor- und Nachteile bietet eine Warn-App?

Kann eine Fehlmeldung, wie die auf Hawaii auch bei uns passieren?

Welche Internet gestützten Alternativen gibt es?

Wie warnt man angemessen und kann sicher gehen, dass die Nachricht den Nutzer erreicht? Was sind die Vor- und Nachteile der SMS-Alarmierung?

 

NINA App (Notfall-Informations- und Nachrichten-App)

Auftraggeber: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe

Link zum Apple Store: https://itunes.apple.com/de/app/nina/id949360949?mt=8

Link zum Google Play Store: https://play.google.com/store/apps/details?id=de.materna.bbk.mobile.app&hl=de

Die Notfall-Informations- und Nachrichten-App (kurz: NINA) informiert schnell, zuverlässig und mit Ortsbezug über mögliche Gefahren, die einer Region bevorstehen. Menschen, die sich in diesem Bereich aufhalten, erhalten eine Warnmeldung mit ergänzenden Handlungsempfehlungen der zuständigen Behörden und können sich so rechtzeitig in Sicherheit bringen oder auf die bevorstehende Gefahr vorbereiten. Die Informationen kommen von örtlichen Behörden und Rettungsstellen.

Funktionsumfang

Die App beachtet die folgenden Gefahrenbereiche: Unwetter, Bombenwarnungen und Terroranschläge.

Ob es weitere Informationen zu anderen Gefahren gibt, wird nicht erwähnt.

Es lässt sich einstellen, für welche Ereignisse und ab welcher Gefahrenstufe Benachrichtigungen erfolgen sollen. Auch den Signalton kann man aus einer kleinen Auswahl selbst festlegen – vom üblichen Push-Nachrichtenton bis hin zur Alarmsirene.

Benachrichtigungsart

Die Benachrichtigung erfolgt über eine Push-Nachricht – nach Öffnen der Nachricht werden ausführlichere Informationen sichtbar.

Zuverlässigkeit

Bei Sturm Friederike konnten wir die Anwendung testen. Die Benachrichtigung funktionierte zufriedenstellend.

Nutzerfreundlichkeit

Die allgemein zur Verfügung gestellten Notfalltipps bei verschiedenen Gefahrenlagen sind wirklich gut!

Ob die Anwendung wirklich funktioniert, lässt sich nur im tatsächlichen Katastrophenfall beurteilen, denn es ist nicht möglich, den Alarm zu testen.

Ein automatisches Onboarding beim ersten Verwenden der App, bei der alle Icons und Funktionen im Kurzdurchlauf erklärt werden, wäre wünschenswert. Man kann diese im Menü zwar selbst finden und vornehmen, manch ein Nutzer muss aber entsprechend “an die Hand genommen werden”. Für ihn gestaltet sich die Bedienung ohne Onboarding womöglich etwas schwierig, da die Symbolik nicht intuitiv genug gestaltet ist. Lediglich die Einrichtung der Orte funktioniert kinderleicht.

Die App ist ist nur auf eine passive Nutzung ausgelegt. Ich habe nicht selbst die Möglichkeit, die Warnungen zu teilen, oder Hinweise zu geben, geschweige denn, mich mit anderen App-Nutzern zu organisieren.

 

KATWARN

https://www.katwarn.de

Auftraggeber: im Auftrag der öffentlichen Versicherer

entwickelt von: Fraunhofer-Institut FOKUS

Link zum Apple Store: https://itunes.apple.com/de/app/katwarn/id566560753?mt=8

Link zum Google Play Store: https://play.google.com/store/apps/details?id=de.combirisk.katwarn&hl=de

KATWARN informiert über Gefahrensituationen, die am aktuellen Standort auftreten und zusätzlich für sieben weitere, frei wählbare Orte. Die Auswahl kann jederzeit aufgehoben, angepasst und bei Bedarf ausgeschaltet werden. Die Informationen kommen von autorisierten Behörden, Sicherheitsorganisationen und Rettungsstellen.

Funktionsumfang

Themenbereiche, die abgedeckt werden: Unwetter, Bombenwarnungen und Terroranschläge, Brände, Polizeimeldungen (auch Vermisstenanzeigen)

Es gibt verschiedene Einstellmöglichkeiten

  • Ortsbezogene Warnungen
  • Anlassbezogene Warnungen
  • Flächenbasierte Warnungen
  • Deutschlandweite Warnübersicht

Der Nutzer kann hier aktiver teilnehmen als bei der NINA App und Warnungen teilen, um sie an Menschen weiterzuleiten, die nicht die KATWARN App nutzen.

Benachrichtigungsart

über einen Alarmton

Da keine Einstellungen vorgenommen werden können, ist es auch nicht möglich, einen individuellen Benachrichtigungston einzustellen.

Zuverlässigkeit

Bei Sturm Friederike konnten wir die Anwendung testen. Die Benachrichtigung funktionierte zufriedenstellend.

Nutzerfreundlichkeit

Das Onboarding ist etwas besser gestaltet als bei der NINA App. Der Nutzer kann eine Testwarnung starten, um zu prüfen, ob das System funktioniert.

Der Signalton lässt sich nicht individuell einstellen. Auch sonst sind keine Einstellmöglichkeiten auffindbar.

Es kann ein Testalarm ausgelöst werden, um zu testen, ob die App im Fall der Fälle auch funktioniert. Diese Funktion ist aber nur versteckt über einen Slide aus der unteren Bildschirmkante auffindbar. Der Testalarm ist sehr laut und es ist nicht klar, wie dieser ausgestellt werden kann. Das sorgt womöglich für unnötige Panik.

Man kann verschiedene Themengebiete zusätzlich abonnieren, allerdings nur über die zugehörige Website und nicht in der App. Das ist rein technisch unsauber und auch nicht nutzerfreundlich. Alles müsste in einer Anwendung möglich sein. So aber entsteht eine unnötige Barriere für den Nutzer. Zudem sind die Themengebiete sehr spezifisch, wie etwa Messe Berlin oder Laternenfest (Halle). Passiert dort etwas, müsste es doch ohnehin über die App abgedeckt sein.

 

BIWAPP – BÜRGER INFO & WARN APP

https://www.biwapp.de

entwickelt von: Marktplatz GmbH – Agentur für Web & App

Link zum Apple Store: https://itunes.apple.com/de/app/katwarn/id566560753?mt=8

Link zum Google Play Store: https://play.google.com/store/apps/details?id=de.mplg.biwapp&hl=de

Die Anwendung dient der schnellen und verbindlichen Warnung und Information der Bevölkerung. Aktuelle Informationen und Katastrophenmeldungen erfolgen für ausgewählte Orte und den gewählten Umkreis – auf Wunsch mit zusätzlicher Push-Benachrichtigung. Die Informationen kommen von offiziell zuständigen Institutionen wie Katastrophenschutzbehörden, Kommunen und kreisfreien Städten sowie deren Leitstellen.

Funktionsumfang

Themenbereiche, die abgedeckt werden: Feuer, Chemieunfall, Schulausfall, Seuchenfall, Erdrutsch / Lawine, Verkehrsunfall, Großschadenslage, Achtung (Warnungen), Hochwasser, Unwetter, Bombenfund, Informationen, Lawine, Fahndungsaufruf, Polizeimeldung, BBK, Energieversorgung

Diese können je ausgewählten Ort ein oder ausgestellt werden. Der Signalton lässt sich nicht einstellen. Der Alarm lässt sich testen und versichert so über die Funktionsfähigkeit der Anwendung.

Benachrichtigungsart

Der Nutzer wird über einen Signalton über eine Gefahr informiert.

Zuverlässigkeit

Als die App beim Sturm Friederike getestet wurde, informierte sie nicht über das herannahende Unwetter.

Nutzerfreundlichkeit

Die Themen, über die BIWAPP informiert, können individuell eingestellt werden (z.B. Schulausfälle, Verkehrsunfälle, Feuer, Hochwasser, Bombenentschärfung, allgemeine Warnungen u.a.).

Sinnvoll ist die Möglichkeit, eine direkte Verbindung zum nächsten Notruf herzustellen. Mit der Gefahrenmeldung verbunden sind Verhaltenshinweise.

Auch das breite Themenspektrum ist super: Vom Chemieunfall über vergiftete Lebensmittel bis hin zum Schulausfall werden alle Gefahren abgedeckt, die für den Nutzer wissenswert sein dürften.

Auch hier fehlt ein initiales Onboarding, das den Nutzer in die Funktionen der App einweist. Einstellungen lassen sich auch hier nicht vornehmen. Lediglich die Orte, die in das Warnsystem einbezogen werden sollen, lassen sich auswählen.  

FAZIT

Die Idee, die wirklich wichtigen Dinge ins inzwischen digitalisierte Leben zu übertragen, ist gut und richtig. So sieht eine agile Zukunft aus. Allerdings kann keine der drei getesteten Apps komplett überzeugen. Jede hat ihre Schwachstellen. Alle sind also noch funktionell verbesserungswürdig. Während BIWAPP und auch KATWARN durch ein besonders großes Themenspektrum glänzen, lässt sich bei der NINA App die Benachrichtigungsart individuell einstellen.

Gerade die fehlenden oder nicht nutzerfreundlich umgesetzten Funktionen machen jedoch deutlich, worauf es ankommt. Die spannenden Fragen, die beim Testen der Apps auf kamen, lauten:

Was sollte eine Warn-App leisten?

Selbstverständlich sollte die Warnung vor Gefahren zuverlässig funktionieren. Auch das individuelle Einstellen der Benachrichtigungsfunktionen sollte gegeben sein, ebenso wie eine einfache Bedienbarkeit. Im Fall der Fälle ist man womöglich nicht mehr in der Lage eine komplexe Bedienung zu meistern.

Bei Warn-Apps sollten zudem durchaus Funktionen bedacht werden, die zunächst nur wie Spielerei wirken. Denn wenn man zusätzlich zur Warnmeldung noch die Möglichkeit erhält, sich mit dem eigenen Netzwerk auszutauschen, z.B. um Hilfe zu organisieren oder sich über das Wohlergehen von Familie und Freunden zu erkundigen, sind das in solchen Gefahrensituationen sehr wertvolle Funktionen. Sie beruhigen, geben den Menschen, die helfen können eine Aufgabe, und denen die Hilfe benötigen Unterstützung.

Gerade das Vernetzen von Warn-Apps mit den Sozialen Netzwerken wäre demnach eine wirklich wünschenswerte Weiterentwicklung. Dabei reicht es womöglich auch, bekannte Netzwerke einzubinden. Ein eigenes soziales Netzwerk etablieren zu wollen, ist unverhältnismäßig. Hier ist gefragt, was sich bewährt hat und leistungsstark ist.

 

Welche Vor- und Nachteile bietet eine Warn-App?

Die Vorteile sind die, mit denen die gesamte Digitalisierung unserer Lebenswelt glänzt: Schnelligkeit, gute Erreichbarkeit für alle, eine einfache Nutzbarkeit. Aber es sind durchaus Nachteile erkennbar: Wenn die Menschen sich auf eine Anwendung verlassen und diese nicht funktioniert, kann es sogar gefährlich werden. Nutzerfreundlichkeit und technische Zuverlässigkeit sollten deshalb oberste Priorität besitzen.

Die Usability muss für alle gewährleistet sein. Man sollte durchaus auch an die Rentnerin denken, die nicht das gleiche technische Wissen besitzt, wie ein jüngerer Nutzer.

 

Kann eine Fehlmeldung, wie die auf Hawaii auch bei uns passieren?

Theoretisch kann es überall passieren, da wir alle nur Menschen sind. Andererseits ist das nicht einfach eine Entscheidung einzelner. Normalerweise folgt alles einer klar geregelten Informationskette und es gibt bei solchen Ereignissen zahlreiche Sicherheitsvorkehrungen und Bestätigungsabfragen, bevor ein berechtigter Mitarbeiter Alarm auslösen kann. Hinzu kommt: Auch die Software, die wir entwickeln, ist im Grunde nur so schlau, wie wir es ihr erlauben zu sein. Ist etwas falsch programmiert, kann es selbstverständlich auch zu Fehlern kommen. Das oberste Augenmerk sollte deshalb gerade bei solch Lebens entscheidenden Apps auf technisch saubere und zuverlässige Lösungen gelegt werden.

 

Welche Internet gestützten Alternativen gibt es?

Bei dem letzten Hochwasser im Jahr 2013 entstanden sinnvolle Webprojekte, wie etwa die Google Karte “Hochwasserkarte Dresden“. Auf Facebook entstanden zudem unzählige Seiten und Gruppen, in denen sich Hilfsbedürftige und Helfer organisierten. Jeder Kanal, ob Soziales Netzwerk, klassische Kartensoftware oder mobile Anwendung verfügt dabei über seine ganz speziellen Vorzüge. Eine Kombination aus App und Google Karten sowie den sozialen Netzwerken, allen voran Twitter und Facebook, dürfte die bereits gut durchdachten Benachrichtigungsfunktionen der Warn-Apps sinnvoll ergänzen.  

Aus unserer Sicht gibt es im Gefahrenfall keine adäquaten Alternativen zur digitalen Kommunikation via Smartphone. Die bestehenden Warn-Apps sollten jedoch durchaus die weiteren digitalen Möglichkeiten nutzen. Dann kann aus einer guten eine hervorragende Anwendung werden.  

Auf Sirenensignale sollte deshalb dennoch nicht verzichtet werden, da sie günstig und flächendeckend alle Menschen erreichen können, auch wenn diese keine digitalen Möglichkeiten zur Information besitzen oder falls das Internet oder das Telefonnetz ausfällt. Gerade die Kombination aus mehreren Kanälen stellt eine umfassende Information sicher.

 

Noch eine Frage beschäftigt uns:

Wie warnt man angemessen und kann sicher gehen, dass die Nachricht den Nutzer erreicht? Was sind die Vor- und Nachteile der SMS-Alarmierung?

Eine Push-Nachricht ist zu wenig, ein enorm lauter schriller Alarm in einigen Fällen eventuell zu viel. Die Möglichkeit, dass der Nutzer je nach Themengebiet, Dringlichkeit und Lebensbedrohlichkeit einen individuellen Alarm einstellen kann, wie etwa bei der NINA App und bei BIWAPP ist deshalb eine wirklich nützliche Funktion. Hier wünschen wir uns, dass auch die anderen App-Anbieter nachziehen, um dem Nutzer nicht nur eine Information, sondern auch eine für ihn hilfreiche Interaktion anbieten. 

Dabei muss jeder Nutzer selbst entscheiden, ob ihm eine Nachricht via SMS oder eine Push-Notification ausreicht bzw. ob er diese im Fall der Fälle tatsächlich wahrnimmt oder ob er besser durch einen lautet Signalton gewarnt werden möchte, der auch dann informiert, wenn er das Smartphone gerade nicht in der Hand hat.

Trotz der kleinen Unzulänglichkeiten der hier vorgestellten Apps, empfehlen wir, sich die ein oder andere aufs Smartphone zu laden. Schaden kann es auf keinen Fall, denn Information ist auch heutzutage unser höchstes Gut.

 

Der MDR befragte uns außerdem im Rahmen seines Beitrages “Wo sind die Sirenen geblieben?” zum Thema Warn-Apps.

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